Usama Al Shahmani

Usama Al Shahmani

Quelle: Wikipedia

Usama Al Shahmani

Zwischen Bagdad und Bodensee: Der Schriftsteller, der der Fremde eine Sprache gibt

Usama Al Shahmani, 1971 in Bagdad geboren und in Qalat Sukar (Provinz Nasiriyya) aufgewachsen, gehört zu den eindrucksvollsten Stimmen der Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. Seine Musikkarriere existiert nicht – sein Instrument ist die Sprache. Als Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer formt er aus Exilerfahrung, Erinnerung und Naturbeobachtung eine poetische Prosa, die Leserinnen und Leser weit über die Schweiz hinaus berührt. Seit seiner Flucht aus dem Irak im Jahr 2002 lebt und schreibt Al Shahmani in der Schweiz, wo er sich mit großer Bühnenpräsenz bei Lesungen und Diskussionen als kluger, leiser und zugleich unbeirrbarer Chronist von Flucht, Ankunft und künstlerischer Entwicklung etabliert hat.

Biografie: Vom Südirak in die Schweiz – Flucht, Ankunft, Neuanfang

Aufgewachsen in Qalat Sukar, studierte Al Shahmani arabische Sprache und moderne arabische Literatur, bevor politische Verfolgung ihn zur Emigration zwang. 2002 verließ er den Irak und fand in der Schweiz eine neue Heimat, in der er sich Schritt für Schritt literarisch verankerte. Zentrale Erfahrungen seines Ankommens – die Konfrontation mit einer fremden Bürokratie, das Schweigen der Sprache im Exil, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit – verdichten sich in seinem Werk zu erzählerischen Motiven von hoher emotionaler Dichte. In Frauenfeld und der deutschen Schweiz prägten ihn Naturerlebnisse und Wanderungen, die in seinen Büchern nicht nur Kulisse, sondern methodisches Prinzip der Selbstvergewisserung werden.

Durchbruch: „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ (2018)

Sein literarischer Durchbruch gelang 2018 mit dem Roman „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“. Das Buch, erschienen im Zürcher Limmat Verlag, wurde mehrfach ausgezeichnet und für das „Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels“ nominiert. Der Erfolg beruhte auf einer unverwechselbaren Verbindung aus autobiografisch gefärbter Erzählung, präziser Beobachtung der schweizerischen Gegenwart und poetischer Verdichtung. Kritiken hoben die zarte, zugleich unerbittliche Art hervor, mit der Al Shahmani Sprachverlust, Traumata und Naturerfahrung zu einer Komposition aus Erinnerung, Komposition und Arrangement formte – Literatur als Gegenentwurf zum Verstummen.

Werke und thematische Spannweiten: Von der Sprachheilung zum Erinnerungsraum

Nach dem Debüt folgte 2020 „Im Fallen lernt die Feder fliegen“, ein Roman, den Schweizer Medien als Hommage an die heilende Kraft des Erzählens beschrieben. 2022 erschien „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“, ein poetischer Roman über Flucht, Identität und die Suche nach einem Ort, den Erinnerung und Gegenwart gemeinsam tragen. Al Shahmani entfaltet darin eine Erzählarchitektur, die episodisch komponiert ist, mit Refrainmotiven arbeitet und häufig das leise Tempo des Gehens übernimmt – ein literarisches Arrangement, in dem Naturbilder, innere Monologe und Dialoge mit der Landschaft ineinandergreifen.

Sprache, Stil und Poetik: Natur als Resonanzkörper des Exils

Seine Prosa zeichnet sich durch eine fein ziselierte Bildsprache aus, die Natur nicht bloß als Metapher, sondern als Resonanzraum des Exils versteht. Wiederkehrende Motive – Bäume, Wind, Flusslandschaften – fungieren als Gegenüber, das Antworten auf Fragen von Schuld, Verlust und Hoffnung erprobt. Formal bevorzugt Al Shahmani eine klare Satzarchitektur mit lyrischen Verdichtungen; Passagen wirken wie taktvoll gesetzte Strophen, deren Pausen genauso bedeutsam sind wie die Wörter. Diese poetische Ökologie macht seine Texte anschlussfähig an Debatten um Migration und Erinnerungskultur, ohne ihren literarischen Kern dem Primat der politischen Aussage zu opfern.

Übersetzer und kultureller Vermittler

Neben seinem eigenen Schreiben profilierte sich Al Shahmani als Übersetzer deutschsprachiger Werke ins Arabische, darunter Texte von Thomas Hürlimann („Fräulein Stark“), Peter Heine („Der Islam“) und Friedrich Schleiermacher („Über die Religion“). Diese Übersetzungsarbeit belegt sowohl seine Expertise im sprachlichen Feintuning als auch eine doppelte kulturelle Verortung. Als Brückenbauer zwischen arabischer und deutschsprachiger Literatur erweitert er den Kanon beider Lesekulturen und stärkt die literarische Zirkulation über Sprach- und Landesgrenzen hinweg.

Kritische Rezeption und Auszeichnungen

Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen – darunter Französisch und Italienisch – übertragen. Kritiken in Qualitätsmedien würdigen die Genauigkeit, mit der Al Shahmani das Leben Geflüchteter gegen Stereotype immunisiert. Besonders hervorgehoben wird seine narrative Ökonomie: Er arrangiert Erinnerungsfragmente, Dialoge und Naturbilder so, dass sich eine innere Dramaturgie entfaltet, die ohne Pathos auskommt und gerade dadurch berührt. Die wiederholte Präsenz bei Literaturfestivals, Radioformaten und auf Bühnen im deutschsprachigen Raum unterstreicht seine Autorität als Stimme einer literarischen Schweiz, die Migration als ästhetischen Erfahrungsstoff ernst nimmt.

Zwischen Literatur und Bühne: Adaption und Auftritt

Aus „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Zürcher MAXIM Theater eine Bühnenadaption. Diese Öffnung zur performativen Kunst zeigt Al Shahmanis bewusste Erweiterung seiner künstlerischen Entwicklung: Texte verlassen das Buch und suchen Resonanz im Raum, im Chor von Stimmen, in Musik, Licht und Bewegung. Lesungen und Gespräche, etwa auf der Frankfurter Buchmesse, prägen seine Bühnenpräsenz und tragen seine poetische Welt unmittelbar zum Publikum.

Aktuelle Projekte und neue Veröffentlichungen (2025–2026)

2025 erschien die von Al Shahmani kuratierte Lyrik-Anthologie „Ein Seidenfaden zu den Träumen“, die fünfzig Gedichte aus dem Programm des Limmat Verlags vereint und die Vielsprachigkeit der Schweizer Lyrik sichtbar macht. Ebenfalls 2025 veröffentlichte er den Roman „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“. Das Werk erschließt ein Kapitel irakischer Geschichte, verzahnt Nahostkonflikt, europäische Kolonialgeschichte und die Traumata des 20. Jahrhunderts zu einem erzählerischen Fluss, in dem private Erinnerung und kollektive Vergangenheit zusammenströmen. Lesungen, Diskussionsabende und Festivalauftritte im Herbst 2025 bezeugten die anhaltende Relevanz seiner Themen und seine Wandlungsfähigkeit als Autor.

Literaturhistorische Einordnung: Exilliteratur, Erinnerung und Schweizer Gegenwart

Im Kontext der deutschsprachigen Exilliteratur verbindet Al Shahmani poetische Innenschau mit soziokultureller Präzision. Seine Bücher stehen in einer Reihe von Texten, die das Ankommen in der Schweiz nicht nur als Integrationsgeschichte, sondern als poetisches Verfahren begreifen: Sprache wird neu gelernt, Grammatik und Landschaft werden zu Ko-Autoren. Diese Sicht knüpft an Traditionen der Migrationsliteratur an, aktualisiert sie jedoch mit einer naturnahen Poetik, deren leise Radikalität darin besteht, Trost, Trauer und Widerstand in die Topografie von Wäldern, Flüssen und Wegen einzuschreiben.

Themen und Motive: Schuld, Schweigen, Geteilte Gegenwart

Immer wieder verhandelt Al Shahmani Schuldgefühle der Überlebenden, das Schweigen nach Gewalterfahrungen und die schwierige Rückgewinnung der eigenen Stimme. Der Körper des Erzählers bewegt sich durch Wälder, entlang von Flussufern; in der Bewegung organisiert sich Erinnerung neu. Anstelle linearer Handlung dominiert ein zyklisches Erzählen mit leisen Crescendi, in denen die Natur wie ein Saiteninstrument auf innere Spannungen antwortet. Dieses Verfahren stiftet Nähe, ohne Indiskretion, und öffnet Räume, in denen Leserinnen und Leser eigene Erfahrungen mit Verlust und neuer Zugehörigkeit verorten können.

Rezeption im deutschsprachigen Raum: Medien, Bühnen, Communities

Porträts in Radio und Presse, Einladungen zu Festivals sowie Übersetzungen zeugen von Al Shahmanis wachsenden literarischen Netzwerken. Diskussionsformate zum Thema Exil, Menschenrechte und Sprache schärfen sein Profil als vertrauenswürdige Stimme, die die Komplexität biografischer Brüche literarisch erschließt. Bemerkenswert bleibt, wie konsequent seine Bücher zwischen dokumentarischer Genauigkeit und poetischer Freiheit vermitteln – eine Expertise, die seine Autorität in literarischen und kulturpolitischen Debatten festigt.

Fazit: Warum man Usama Al Shahmani lesen und live erleben sollte

Usama Al Shahmani macht die Fremde sprechfähig. Seine Romane und Essays verwandeln Exilerfahrung in Literatur, die tröstet und aufrüttelt, ohne je belehrend zu werden. Wer seine Lesungen besucht, erlebt eine Bühnenpräsenz, die Ruhe in Resonanz verwandelt: Wörter fallen, richten sich auf und gehen weiter – wie Wandernde, die ihren Takt finden. In einer Zeit, in der Herkunft, Identität und Zugehörigkeit weltweit verhandelt werden, liefert Al Shahmani die poetische Tiefenschärfe, die Debatten in Geschichten verwandelt. Empfehlenswert, ihn zu lesen – und ihn auf einer Lesung zu hören, wo seine Sätze, wie Flussläufe, noch lange nachklingen.

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